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© Mareike Ardenn
Leseprobe




SIBYLLE: Das hat sie dir nicht...
KAJA: Nein, das hast du mir selber erzählt. Weißt du nicht mehr?
SIBYLLE: (
steif) Ich erinnere mich nicht mehr.
KAJA: Aber
ich erinnere mich. Mein kleiner Frederik war gerade ein halbes Jahr alt und Lilly war zwei. Ich habe beide zu Hause bei Tristan gelassen, weil du eine Endoskopie hattest. Wohlgemerkt, durch den Bauchnabel. Der Schnitt war mikroskopisch klein. Jürgen hatte sich nach ich-weiß-nicht-wohin abgesetzt und du brauchtest jemanden, der dich pflegt.
SYBILLE: Jürgen musste arbeiten.
KAJA: Genau. Und ich habe dein Kindermädchen gespielt, obwohl der Eingriff gar nicht schlimm war und ich selber ein Baby und eine Zweijährige zu Hause hatte.
SIBYLLE: Was regst du dich auf? Tristan hat es doch geregelt. Ich habe damals sehr gelitten.
KAJA: Das hast du immer getan.
SIBYLLE: Es muss ja nicht jeder von so soldatischer Tapferkeit sein wie du.
KAJA: Ein bisschen davon würde dir manchmal gar nicht schaden. Wie dem auch sei; ich war bei dir, als der Anruf aus dem Krankenhaus kam, dass das Baby geboren sei.
SIBYLLE: Ich war so glücklich.
KAJA: Du hattest das Riesenglück, ein Baby direkt nach der Geburt zu bekommen. Und dann hast du Jenny noch
fünf Tage im Krankenhaus gelassen, weil dich das Mutter-Werden so überrascht und überfordert hat.
SIBYLLE: So war es ja auch.
KAJA: Du hast dich
zwei Jahre lang darauf vorbereitet, ein Kind zu adoptieren. Du hast vorher mit der biologischen Mutter gesprochen. Du wusstest, wann das Kind ungefähr zur Welt kommt.
SIBYLLE: Als würde das alles das Mutter-Werden erleichtern. Mutter werden ist schwierig, ein langer oft schmerzhafter Prozess...
KAJA: Hör mal, du hast bis zu Jennys Geburt dein normales Leben geführt. Kein Erbrechen, keine Wassereinlagerungen, keine Stimmungsschwankungen, keine Schlafstörungen. Keine schmerzhafte, anstrengende oder vielleicht traumatische Geburt. Du brauchtest dich - wie immer - nur um dich selbst zu kümmern. Und dann hat das Mutter-Werden dich so überrascht, dass du das arme Kind noch fünf Tage im Krankenhaus gelassen hast?
SIBYLLE: Ich konnte mich ja gar nicht so darauf einstellen, wie eine Frau, die wirklich schwanger ist. Das Körperliche, das Unmittelbare hat eben gefehlt. Ich musste mir darüber klar werden, ob ich das wirklich will.
KAJA: Als ob das einer Mutter, die das Kind gerade aus sich rausgepresst hat, anders geht. Aber die hat einfach keine Zeit sich solche akademischen und egozentrischen Gedanken zu machen. In so einer Situation nimmt man, was kommt. Es bleibt einem schließlich nichts anderes übrig.
SIBYLLE: Ein Kind zu adoptieren ist ja auch eine ganz andere Herausforderung als einfach eins zu bekommen.
KAJA: Du glaubst auch noch, was du da sagst.
SIBYLLE: So war es! Du hast es ja auch viel einfacher mit deiner Horde von Bälgern. Die erziehen sich schließlich gegenseitig, aber so ein Einzelkind...
KAJA: So ein Einzelkind muss in einen Kindergarten auf einem Hamburger Spielplatz gehen, damit es ordentlich Ellbogen bekommt.
SIBYLLE: Ich hab ihr immer gesagt, dass sie sich wehren soll. Das muss man können in der heutigen Zeit.
KAJA: Ich weiß. Ich kann mich erinnern, wie sie Frederik mit voller Wucht ins Gesicht getreten hat, weil er hinter ihr auf der Leiter zur Rutsche stand.
SIBYLLE: Sie war eben immer sehr durchsetzungsfähig.
KAJA: Und Frederik hatte Nasenbluten.
SIBYLLE: Jenny hatte von Anfang an eine starke Persönlichkeit.
KAJA: Du meinst, sie war so egozentrisch wie du. Lilly hat immer Angst vor ihr gehabt, obwohl sie volle zwei Jahre älter ist als Jenny.
SIBYLLE: Lilly stellt sich aber auch immer ein bisschen an.
KAJA: Woher willst du das wissen? Du kennst meine Kinder doch gar nicht. Und dein eigenes Kind kennst du auch nicht, denn du hast es ja von Au-pair-Mädchen aufziehen lassen. Die Jürgen übrigens nach Auskunft von Mama ebenso gebumst hat wie seine Praktikantinnen im Büro. Deshalb gab es ja auch später keine Au-pair-Mädchen mehr. Armer Jürgen.
SIBYLLE: Das hat Mama nicht...
KAJA: Ich wiederhole mich ungern, aber doch: Sie hat. Sie hat über jeden von euch gelästert. Genauso wie sie bei euch über mich gelästert hat. Ist das so schwer zu verstehen?
SIBLLE: Sie hätte dir nie erzählt, dass Jürgen und ich Probleme haben.
KAJA: Sie hat! Du: eine Depression. Er: trennungswillig und natürlich sexbesessen wie jeder Mann. Jenny: Völlig verkorkst. Übrigens keine Wunder, bei der Herkunft und euren divergierenden Erziehungsstilen. Euren Versuch mit der Paartherapie fand sie lächerlich. Glaub mir, sie hat.

Schweigen.